Kommissionierung

Wie Kommissionierverfahren nach VDI 3564 in Nordrhein-Westfalen funktionieren

VDI 3564 ordnet Kommissionierverfahren, Lagerprogramme und Bestandsabläufe. So setzen Logistikteams in Nordrhein-Westfalen die Richtlinie um.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die VDI 3564 beschreibt Kommissionierverfahren und ihre Auswahl, nicht den Aufbau eines konkreten Lagers.
  • Sie liefert die Begriffe, mit denen sich Lagerprogramme und Bestandsabläufe vergleichbar machen lassen.
  • In Nordrhein-Westfalen trifft die Richtlinie auf dichte Zuliefernetze, knappe Flächen und hohe Personalfluktuation.
  • Das Fraunhofer IML in Dortmund ist Anlaufstelle für Fragen, die über die Richtlinie hinausgehen.
  • Ohne eigene Kennzahlen bleibt jede Verfahrensentscheidung ein Gefühl.

VDI 3564: Grundlagen und Bedeutung für die Kommissionierung

Die VDI 3564 ist eine Richtlinie des Vereins Deutscher Ingenieure zum Kommissionieren. Sie ordnet Verfahren, beschreibt ihre Einsatzgrenzen und gibt ein Vokabular vor, mit dem Planer, Betriebsleiter und Softwareanbieter über dasselbe reden. Wer heute von einem Kommissionierverfahren spricht, meint fast immer eine der Klassen, die dort definiert sind.

Die Richtlinie ist kein Gesetz. Sie bindet niemanden, gilt aber als anerkannter Stand der Technik. Wer sie ignoriert, muss im Streitfall erklären, warum. Wer sie anwendet, hat ein Argument, das auch Prüfer und Versicherer akzeptieren. Eine Übersicht über das Regelwerk und seine Bezugswege bietet die Übersicht der VDI-Richtlinien.

Wichtig ist die Abgrenzung. Die VDI 3564 regelt die Auswahl und Bewertung von Kommissionierverfahren. Sie regelt nicht, wie ein Regal auszusehen hat. Dafür gelten andere Regelwerke, etwa die DIN EN 15512 für ortsfeste Regalsysteme aus Stahl. Wer beides vermischt, plant am Ende doppelt.

Für nordrhein-westfälische Betriebe kommt ein zweiter Rahmen hinzu. Arbeitsstättenverordnung, DGUV Vorschrift 1 und die DGUV Regel 108-007 für Lagereinrichtungen und -geräte setzen Grenzen, die keine Verfahrensentscheidung überschreiten darf. Die VDI 3564 hilft, diese Grenzen früh zu erkennen, statt sie beim Umbau zu entdecken.

Der praktische Nutzen liegt in der Reihenfolge. Erst das Verfahren, dann das Lagerprogramm, dann die Technik. Wer mit der Technik beginnt, kauft später nach und zahlt zweimal.

Warum die Richtlinie in NRW besonders relevant ist

Nordrhein-Westfalen hat eine der dichtesten Logistiklandschaften Europas. Zwischen Rhein und Ruhr liegen Zulieferer, Handel und Kontraktlogistiker oft wenige Kilometer auseinander. Das verkürzt Wege, erhöht aber den Takt. Wer hier Kommissionierung plant, plant für kurze Lieferfenster.

Dazu kommt Flächenknappheit. In Gewerbegebieten rund um Düsseldorf, Köln und das Ruhrgebiet sind Erweiterungen teuer oder unmöglich. Ein Verfahren, das mehr Grundfläche braucht, ist damit faktisch ausgeschlossen. Die VDI 3564 zwingt dazu, diese Randbedingung vor der Systemauswahl zu klären.

Schließlich die Personaldecke. Kommissionierarbeit ist körperlich, die Fluktuation hoch. Verfahren, die viel Erfahrung verlangen, brechen ein, wenn die Belegschaft wechselt. Auch das ist ein Auswahlkriterium, das die Richtlinie abfragt. Wer den Wortlaut braucht, findet ihn über die VDI-Richtlinien zur Mitgliedschaft.

Kommissionierverfahren im Überblick: Entscheidungskriterien für Lagerprogramme

Die Richtlinie unterscheidet Verfahren nach der Zahl der gleichzeitig bearbeiteten Aufträge und nach der Zahl der entnommenen Artikel pro Weg. Daraus ergeben sich die bekannten Grundtypen: Einzelkommissionierung, Sammelkommissionierung, Zonenkommissionierung und die zweistufige Kommissionierung. Einen Überblick über Systeme und ihre Kombinationen bietet der Beitrag zur Kommissionierung bei Wikipedia.

Für die Auswahl zählen fünf Kriterien. Wer sie in dieser Reihenfolge prüft, spart sich spätere Korrekturen.

  1. Auftragsstruktur: Wie viele Positionen hat ein typischer Auftrag, wie viele verschiedene Artikel?
  2. Artikelstruktur: Wie schnell drehen sich die Artikel, wie schwer und sperrig sind sie?
  3. Weganteil: Wie hoch ist der Anteil reiner Wegzeit an der Kommissionierzeit?
  4. Qualifikation: Welche Erfahrung braucht das Personal, wie schnell ist es ersetzbar?
  5. Fehlertoleranz: Was kostet ein Fehlgriff, und wie wird er entdeckt?

Diese Kriterien bestimmen das Lagerprogramm. Der Begriff meint hier nicht die Software allein, sondern das Zusammenspiel aus Lagerstruktur, Verfahren, Technik und Steuerungsregeln. Ein Lagerprogramm ist die schriftliche Fassung dieser Entscheidungen. Es hält fest, welches Verfahren wann greift und wer es ändern darf.

Verfahren im Vergleich

Verfahren Geeignet für Schwäche
Einzelkommissionierung viele Positionen, hohe Genauigkeit langer Weg pro Auftrag
Sammelkommissionierung viele kleine Aufträge Sortieraufwand danach
Zonenkommissionierung breites Sortiment, lange Wege Übergabepunkte
Zweistufig hohe Stückzahlen, wenige Artikel Pufferfläche nötig

Die Tabelle ersetzt keine Rechnung. Sie zeigt aber, dass jedes Verfahren eine Schwäche hat, die bezahlt werden muss. Die Frage ist nicht, welches Verfahren das beste ist, sondern welche Schwäche der Betrieb verkraftet.

Lagerprogramme als verbindliche Fassung

Ein Lagerprogramm ohne Datum und Verantwortlichen ist Papier. Es muss festhalten, welche Kennzahl sich ändern soll und bis wann. Sonst bleibt die VDI 3564 eine Lektüre und wird keine Entscheidung.

Bestandsabläufe und Lagerkennzahlen nach VDI 3564 optimieren

Bestandsabläufe beschreiben, wie Ware ins Lager kommt, sich bewegt und wieder herausgeht. Kommissionierung ist ein Teil davon, nicht das Ganze. Wer nur die Kommissionierung optimiert, verschiebt Engpässe in die Wareneingangsprüfung oder in die Verpackung. Grundlagen zu Bestandsführung und Lagerhaltung fasst der Beitrag zur Lagerhaltung bei Wikipedia zusammen.

Die VDI 3564 liefert die Bezugsgrößen für die Kennzahlen. Ohne sie vergleicht man Äpfel mit Birnen, weil jede Abteilung anders zählt.

  • Kommissionierzeit pro Position
  • Wegzeitanteil an der Gesamtzeit
  • Positionen pro Stunde und Person
  • Fehlerquote pro 10.000 Positionen
  • Bestandsreichweite in Tagen
  • Umschlagshäufigkeit pro Artikel

Diese Zahlen müssen aus demselben Datenstand kommen. Ein Lagerprogramm, das Kennzahlen aus drei Systemen zusammenrechnet, produziert Widersprüche.

Vorgehen in sechs Schritten

  1. Ist-Zustand aufnehmen, zwei Wochen lang, ohne Ausnahmen auszublenden.
  2. Verfahren nach VDI 3564 klassifizieren und benennen.
  3. Engpass bestimmen, nicht den auffälligsten, sondern den wirksamsten.
  4. Soll-Kennzahl festlegen, mit Datum und Verantwortlichem.
  5. Verfahren oder Lagerprogramm ändern, einzeln, nicht parallel.
  6. Nach vier Wochen messen und die Änderung bestätigen oder zurücknehmen.

Der letzte Schritt wird am häufigsten ausgelassen. Ohne Nachmessung weiß niemand, ob die Entscheidung getragen hat.

Praxisbeispiel: Zonen statt Einzelkommissionierung

Ein Zulieferer aus dem Bergischen Land kommissionierte jeden Auftrag einzeln. Die Wege fraßen 62 Prozent der Zeit. Nach der Klassifizierung nach VDI 3564 zeigte sich ein breites Sortiment mit langen Wegen, also ein Fall für Zonenkommissionierung. Zwei Zonen, ein Übergabepunkt, dieselbe Belegschaft.

Die Wegzeit sank, die Fehlerquote stieg zunächst an den Übergaben. Erst als der Übergabepunkt eine feste Prüfregel bekam, sank auch sie. Das Lagerprogramm hielt beides fest.

Beispiele aus Nordrhein-Westfalen: Umsetzung in der Praxis

Nordrhein-Westfalen ist kein einheitlicher Logistikmarkt. Ein Kontraktlogistiker in Duisburg arbeitet anders als ein Ersatzteillager in Bielefeld. Die VDI 3564 bleibt dieselbe, die Randbedingungen nicht.

Im Ruhrgebiet dominieren kurze Distanzen und dichter Takt. Viele Betriebe kommissionieren für den regionalen Handel mit Lieferfenstern am selben Tag. Sammelkommissionierung mit anschließender Sortierung ist hier verbreitet, weil sie Wege spart. Der Sortieraufwand wird bewusst in Kauf genommen.

Im Rheinland sitzen viele Hersteller mit breitem Sortiment und saisonalen Spitzen. Dort greift die Zonenkommissionierung, oft kombiniert mit einer zweistufigen Kommissionierung für Schnelldreher. Die Entscheidung hängt an der Frage, ob Pufferfläche vorhanden ist.

In Ostwestfalen-Lippe und im Münsterland finden sich viele mittelständische Zulieferer mit schmalem Sortiment und hohen Stückzahlen. Hier ist die zweistufige Kommissionierung oft die wirtschaftlichste Wahl, weil wenige Artikel in großen Mengen bewegt werden.

Was die Betriebe gemeinsam haben

Drei Muster wiederholen sich. Erstens: Die Fläche ist der härteste Engpass. Zweitens: Die Software gibt das Verfahren vor, ob gewollt oder nicht. Drittens: Niemand hat Zeit für eine saubere Ist-Aufnahme, also wird geschätzt.

Der dritte Punkt ist der teuerste. Eine Schätzung, die um 20 Prozent danebenliegt, führt zum falschen Verfahren. Zwei Wochen Messung kosten weniger als ein Umbau.

Förderung als Randbedingung

Automatisierung und Digitalisierung in der Kommissionierung sind förderfähig, unter anderem über das KfW-Programm für Digitalisierung und Automatisierung. Wer plant, sollte die Förderbedingungen prüfen, bevor das Verfahren feststeht. Sonst passt die Technik nicht zum Förderrahmen.

Fraunhofer IML als Impulsgeber für Kommissionierinnovationen

Das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik sitzt in Dortmund und ist damit für nordrhein-westfälische Betriebe in Reichweite. Das Institut arbeitet an Kommissioniersystemen, an der Mensch-Roboter-Kooperation und an der Frage, wie sich Verfahren unter realen Bedingungen bewähren.

Für die Praxis zählt weniger die Forschung selbst als der Zugang. Das IML veröffentlicht Ergebnisse, betreibt Testflächen und arbeitet mit Unternehmen aus der Region zusammen. Wer vor einer Verfahrensentscheidung steht, findet dort Vergleichsdaten, die sonst niemand offenlegt.

Der Nutzen liegt in der Reihenfolge. Erst die eigene Ist-Aufnahme, dann der Vergleich mit veröffentlichten Werten, dann die Entscheidung. Wer beim Institut mit einer fertigen Technikentscheidung ankommt, bekommt keine Hilfe, sondern eine Bestätigung.

Die VDI 3564 und das IML ergänzen sich. Die Richtlinie liefert die Ordnung, das Institut die Messwerte und die Erfahrung aus Umsetzungen. Zusammen ergeben sie eine Grundlage, die belastbarer ist als jede Anbieterpräsentation.

Checkliste: VDI 3564 in konkrete Lagerentscheidungen übersetzen

Die folgenden Punkte lassen sich in einer Sitzung abarbeiten. Wer sie vollständig beantwortet, hat ein Lagerprogramm, keine Absichtserklärung.

  • Ist-Aufnahme über zwei Wochen, mit Wegzeit und Greifzeit getrennt
  • Verfahren nach VDI 3564 klassifiziert und schriftlich benannt
  • Auftrags- und Artikelstruktur mit Zahlen belegt
  • Flächenbedarf je Verfahren berechnet, nicht geschätzt
  • Engpass bestimmt und als Engpass dokumentiert
  • Soll-Kennzahl mit Datum und Verantwortlichem festgelegt
  • Nachmessung nach vier Wochen eingeplant

Wer unterschreibt

Ein Lagerprogramm braucht eine Unterschrift. Ohne sie ist es ein Vorschlag. In vielen Betrieben unterschreibt die Logistikleitung, manchmal die Geschäftsführung. Wichtiger als die Ebene ist, dass eine Person die Kennzahl verantwortet.

Wann eine externe Prüfung sinnvoll ist

Wenn die Ist-Aufnahme und die eigene Wahrnehmung auseinanderfallen, hilft eine externe Sicht. Das muss keine große Beratung sein. Eine Hochschule, eine Kammer oder ein Institut wie das Fraunhofer IML können diese Rolle übernehmen.

Häufige Fragen

Ist die VDI 3564 verpflichtend? Nein, sie ist eine Richtlinie und kein Gesetz. Sie gilt aber als anerkannter Stand der Technik, an dem sich Prüfer und Gerichte orientieren.

Was kostet der Bezug der Richtlinie? Das hängt von Fassung und Bezugsweg ab. Die VDI-Seite nennt die aktuellen Bedingungen und die Möglichkeit der Mitgliedschaft.

Reicht die Richtlinie für die Auswahl eines Lagersystems? Nein. Für Regale gilt die DIN EN 15512, für Lagereinrichtungen die DGUV Regel 108-007. Die VDI 3564 betrifft das Verfahren.

Wie lange dauert eine Ist-Aufnahme? Zwei Wochen gelten als Untergrenze, wenn saisonale Schwankungen nicht ausgeschlossen sind. Kürzere Zeiträume liefern Zufallswerte.

Lohnt sich Automatisierung in kleinen Lagern? Nur wenn der Engpass dauerhaft besteht und die Fläche knapp ist. Sonst kostet die Technik mehr, als das Verfahren einspart.

Wo finde ich Vergleichsdaten für Kommissionierzeiten? Bei Instituten wie dem Fraunhofer IML in Dortmund und in Veröffentlichungen des BVL. Anbieterzahlen sind selten unabhängig.

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