Lagerplanung
Teil von Bestandsabläufe und Inventur organisieren: Der Weg durch § 240 und § 241 HGB
Bestandsabläufe prüfen mit Kennzahlen für Umschlag und Reichweite
Bestandsabläufe prüfen mit Kennzahlen: Umschlagshäufigkeit, Reichweite in Tagen, Fehlmengenquote und Kapitalbindung mit Formeln und Beispielwerten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Vier Kennzahlen tragen die Prüfung der Bestandsabläufe: Umschlagshäufigkeit, Umschlagsdauer, Reichweite in Tagen und Kapitalbindung in Euro.
- Kennzahlen sind nur so gut wie die Datenbasis aus Inventur, Buchführung und Wareneingang.
- Reichweite und Umschlagsdauer messen Unterschiedliches: geplanten Bedarf gegen tatsächlichen Verbrauch.
- Zielwerte gehören je Materialgruppe gesetzt, sonst dominieren Ausreißer den Durchschnitt.
- Jede Kennzahl braucht eine Maßnahme und einen Verantwortlichen.
Umschlagshäufigkeit und Umschlagsdauer berechnen
Die Umschlagshäufigkeit setzt den Wareneinsatz einer Periode ins Verhältnis zum durchschnittlichen Lagerwert derselben Periode. Wer den Umsatz statt des Wareneinsatzes verwendet, misst etwas anderes, weil Verkaufspreise Margen und Rabatte enthalten. Der Vergleich zwischen Warengruppen wird dadurch unbrauchbar.
Als Zähler dient in der Praxis der Materialaufwand aus der Gewinn- und Verlustrechnung. Er ist periodengerecht abgegrenzt und wird für den Jahresabschluss ohnehin ermittelt. Wer den Lagerwert nur aus Anfangs- und Endbestand mittelt, unterschätzt Schwankungen bei saisonalen Artikeln. Aussagekräftiger sind zwölf oder dreizehn Monatsstichtage.
Beispielrechnung: Ein Händler weist 9.600.000 Euro Wareneinsatz pro Jahr aus, netto und ohne Umsatzsteuer, weil Lagerkennzahlen auf Nettowerten beruhen. Der durchschnittliche Lagerwert liegt bei 1.200.000 Euro netto. Daraus folgt eine Umschlagshäufigkeit von 8,0 pro Jahr. Die Umschlagsdauer beträgt 365 geteilt durch 8, also 45,6 Tage.
Die Umschlagsdauer in Tagen ist die anschaulichere Größe im Lagerbericht. Sie sagt, wie lange ein durchschnittlicher Bestand rechnerisch im Lager liegt, bis er verbraucht ist.
Für die Steuerung genügt ein Gesamtwert nicht. Eine Aufteilung nach ABC-Klassen zeigt, welche Artikel den größten Teil der Kapitalbindung tragen und enger überwacht werden müssen.
Reichweite in Tagen richtig lesen
Die Reichweite beantwortet eine andere Frage: Wie lange reicht der vorhandene Bestand bei erwartetem Bedarf? Die Formel lautet Reichweite in Tagen gleich aktueller Bestand geteilt durch durchschnittlichen Tagesverbrauch. Den Tagesverbrauch liefert die Bedarfsplanung der Disposition, nicht der Rückblick auf alte Absatzzahlen.
Beispiel: 1.200 Stück Bestand und ein geplanter Absatz von 60 Stück pro Arbeitstag ergeben 20 Arbeitstage Reichweite. Wer Kalendertage ausweisen will, teilt den Jahresverbrauch durch 365 Tage.
Die Reichweite muss die Wiederbeschaffungszeit überschreiten, sonst entsteht trotz hoher Bestände ein Fehlbestand. Lieferzeit und Bedarfsschwankung bestimmen den Sicherheitsbestand.
Beide Werte dürfen nicht verwechselt werden. Die Reichweite blickt nach vorn, die Umschlagsdauer nach hinten. In Berichten gehören deshalb immer Bezugszeitraum und Berechnungsart dazu.
Vergleichswerte liefert die Bundesvereinigung Logistik mit ihren Kennzahlenstudien für Lager- und Kommissioniersysteme. Das Statistische Bundesamt erhebt im Verarbeitenden Gewerbe monatlich Bestände und Auftragsbestände und liefert damit den Branchenbezug für eigene Zielwerte.
Fehlbestand, Servicegrad und Kapitalbindung
Die Fehlmengenquote setzt Positionen mit Fehlmenge ins Verhältnis zu allen angeforderten Positionen. Beispiel: 2.000 Kommissionierpositionen pro Monat, davon 40 mit Fehlbestand, ergeben 2 Prozent Fehlmengenquote und einen Servicegrad von 98 Prozent.
Fehlmengen sollten nach Ursache getrennt erfasst werden: Disposition, Wareneingang, Bestandsdifferenz oder Qualitätssperre. Ohne diese Trennung bleibt offen, welcher Ablauf geändert werden muss. Bestandsdifferenzen gehören als eigener Wert in den Bericht, ausgedrückt in Prozent des Sollbestands je Zählung.
Die Kapitalbindung ergibt sich aus dem durchschnittlichen Lagerwert multipliziert mit dem Lagerkostensatz. Im Beispiel rechnet das Unternehmen mit 20 Prozent pro Jahr. Dieser Satz stammt aus eigenen Kostenblöcken für Zinsen, Raum, Personal, Handling und Schwund. Bei 1.200.000 Euro netto Lagerwert sind das 240.000 Euro pro Jahr.
Eine Verringerung des Lagerwerts um 10 Prozent auf 1.080.000 Euro spart 24.000 Euro pro Jahr. Die Reichweite sinkt damit von 45,6 auf 41,0 Tage.
Von der Kennzahl zum gesteuerten Ablauf
Fünf Schritte verbinden Messung und Handlung.
- Bestand körperlich aufnehmen. Die Pflicht zur Bestandsaufnahme regelt § 240 HGB.
- Vereinfachte Verfahren prüfen. Die Voraussetzungen für Dauerinventur, Stichprobeninventur oder vorverlegte Inventur nennt § 241 HGB.
- Bewegungs- und Stammdaten im Warenwirtschaftssystem zusammenführen. Ein ERP-System bündelt Artikelstammdaten, Buchungsbelege und Auswertungen, wie die Funktionsübersicht von SAP ERP zeigt.
- Kennzahlen je Materialgruppe und ABC-Klasse rechnen, nicht nur für das Gesamtlager.
- Zielwerte, Maßnahmen und Verantwortliche schriftlich festhalten und monatlich nachhalten.
Aufbewahrungsfristen für Inventurunterlagen und Bestandsnachweise regelt § 257 HGB.
Häufige Fragen
Wie berechnet man die Umschlagshäufigkeit?
Wareneinsatz der Periode geteilt durch den durchschnittlichen Lagerwert der Periode. Der Wert 365 geteilt durch die Umschlagshäufigkeit ergibt die Umschlagsdauer in Tagen.
Was unterscheidet Reichweite und Umschlagsdauer?
Die Reichweite nutzt den geplanten Bedarf und beantwortet, wie lange der Bestand noch reicht. Die Umschlagsdauer nutzt den Verbrauch der Vergangenheit. Beide Größen haben unterschiedliche Steuerungswirkung.
Wie oft sollte ein Lager seine Kennzahlen prüfen?
Umschlag und Reichweite monatlich, Fehlmengenquote und Servicegrad in Kommissionierbereichen wöchentlich. Die Bestandsbasis wird über Inventur und laufende Buchungen aktuell gehalten.
Welche Werte gehören in den Lagerbericht?
Umschlagshäufigkeit, Umschlagsdauer, Reichweite in Tagen, Fehlmengenquote in Prozent und Kapitalbindung in Euro. Dazu Bezugsperiode und die Zahl der einbezogenen Artikel.
Warum reicht ein Mittelwert aus zwei Stichtagen nicht?
Saisonale Ware verzerrt den Durchschnitt. Monatswerte oder eine Aufteilung nach ABC-Klassen zeigen, wo Bestand tatsächlich gebunden ist.