Lagerplanung
Teil von Bestandsabläufe und Inventur organisieren: Der Weg durch § 240 und § 241 HGB
Inventurdifferenzen eingrenzen: Ursachen systematisch mit dem Prüfpunktekatalog finden
Inventurdifferenzen eingrenzen: Der Prüfpunktekatalog ordnet Ursachen wie Buchungsfehler, Diebstahl, Verderb und Systemfehler ein und zeigt Differenzquoten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Fünf Ursachenfamilien erklären fast jede Inventurdifferenz: Buchungsfehler, Mengenfehler, Diebstahl, Verderb und Systemfehler.
- Der Prüfpunktekatalog läuft in vier Stufen ab: Bezugsgröße, Zeit, Menge, Zugriff.
- Differenzquoten werden je Warengruppe als Prozentsatz des Bestandswerts berechnet, nicht für das ganze Lager.
- Jede Korrektur braucht Datum, Beleg und Freigabe, sonst ist sie bei der nächsten Zählung nicht prüfbar.
- Vereinfachte Inventurverfahren verlagern das Risiko in die Fortschreibung, nicht in die Zählung.
Fünf Ursachenfamilien statt einer Schwundzahl
Eine Inventurdifferenz ist das Ergebnis mehrerer Vorgänge. Wer sofort von Schwund spricht, überspringt die Buchungs- und Mengenprüfung und sucht dann an der falschen Stelle.
Buchungsfehler sitzen im Belegfluss: doppelte Erfassung, Buchung in der falschen Periode, Übernahme des Preises statt der Menge, Wareneingang ohne Buchung. Sie fallen oft nach dem Periodenwechsel auf, weil die Fortschreibung dann neu rechnet.
Mengenfehler entstehen an der Ware selbst: Zählfehler, Verwechslung von Stück und Karton, offene Umlagerung, nicht gebuchte Entnahme für Reparatur und Wartung. Die Differenz bleibt bestehen, auch nach dem Periodenwechsel.
Diebstahl erzeugt eine Fehlmenge ohne Beleg. Auffällig sind kleine, hochwertige Artikel an offenen Zugängen und Positionen ohne Ausgabequittung. Ob der Zugriff überhaupt protokolliert wird, hängt an der Rechtevergabe der Lagerprogramme. Der IT-Grundschutz des BSI beschreibt, welche Anforderungen an Berechtigungen und Schnittstellen mindestens zu erfüllen sind.
Verderb verschwindet erst mit der Sperrlager- oder Ausschussbuchung aus dem Buchbestand. Fehlt diese Buchung, steht die verdorbene Menge weiter im System und taucht bei der Zählung als Fehlmenge auf.
Systemfehler treten in mehreren Lagern gleichzeitig auf. Typisch sind abgebrochene Schnittstellenläufe, doppelte Artikelstämme und Buchungen in ein falsches Lager. SAP ERP führt Bestandsführung, Wareneingang, Umlagerung und Inventur in einem Datenbestand zusammen, sodass sich Buchungs- und Zählstand direkt gegenüberstellen lassen.
Prüfpunktekatalog:
| Ursachenfamilie | Typisches Muster | Erster Prüfpunkt |
|---|---|---|
| Buchungsfehler | Differenz verschwindet nach dem Periodenwechsel | Belegdatum gegen Buchungsdatum |
| Mengenfehler | Differenz bleibt über Perioden bestehen | Zählliste, Mengeneinheit, Umlagerung |
| Diebstahl | kleine, hochwertige Artikel, kein Beleg | Zugriffsrechte, Ausgabequittungen |
| Verderb | Warengruppen mit Verfallsdatum | Sperrlager, Ausschussbuchung |
| Systemfehler | Muster über mehrere Lagerorte | Schnittstellenprotokoll, Artikelstamm |
Prüfschritte von der Bezugsgröße bis zum Zugriff
- Bezugsgröße festlegen: weicht die Menge, der Wert oder der Zeitpunkt ab?
- Zeitfenster abstecken: letzte körperliche Aufnahme, alle Buchungen danach, Periodenwechsel.
- Belegkette prüfen: Belegdatum gegen Buchungsdatum, Umlagerungen, Retouren, Gutschriften.
- Zugriff prüfen: Berechtigungen, Ausgabequittungen, Sperrlager, Ausschussbuchungen.
- Systemwege prüfen: Schnittstellenprotokolle, Artikelstamm, Chargen und Seriennummern.
Vereinfachte Verfahren verlagern einen Teil der Prüfung. Nach § 241 HGB darf der Bestand unter Bedingungen über Stichproben oder zeitverschoben ermittelt werden. Dann entscheidet die Fortschreibung über den Buchwert, und jedes falsche Belegdatum schlägt direkt durch. Festbewertete Positionen, deren körperliche Aufnahme nur in mehrjährigem Abstand erfolgt, sollten deshalb mit dem Datum der letzten Aufnahme im Prüfprotokoll stehen.
Differenzquoten berechnen und einordnen
Die Differenzquote ist der Differenzwert geteilt durch den Bestandswert, multipliziert mit hundert. Sie lässt sich mengenseitig oder wertseitig rechnen. Eine Differenzquote allein nennt keine Ursache, sie ordnet nur ein.
Beispielrechnung, alle Werte angenommen: Buchbestand 120 Stück, Zählbestand 117 Stück, Einstandspreis 0,45 € je Stück, Bestandswert 54,00 €. Die Mengendifferenz beträgt 3 Stück, die Differenzquote 2,5 Prozent des Bestands. Wertseitig sind es 1,35 €, also 2,5 Prozent des Bestandswerts.
Für Toleranzbänder gibt es keine verbindliche Branchenvorgabe. Betriebe legen je Warengruppe eigene Grenzen fest, beispielsweise:
| Warengruppe | Toleranzband (Beispielwerte) |
|---|---|
| C-Teile, Schrauben, Kleinteile | bis 2 Prozent |
| Elektronik und Werkzeuge | bis 0,5 Prozent |
| verderbliche Ware | 1 bis 3 Prozent |
Diese Bänder sind gewählte Beispielwerte, keine veröffentlichten Kennzahlen. Wer sie anwendet, sollte die Grenze als Wertschwelle in Euro und als Prozentsatz dokumentieren.
Dokumentation und Korrektur
Eine geklärte Differenz wird mit Datum, Artikel, Zählstand, Buchstand, vermuteter Ursache und Freigabe festgehalten. Die Korrektur selbst ist eine Buchung mit Beleg, keine stille Anpassung der Zählliste.
Für die Korrektur gilt diese Reihenfolge:
- Zählzeitpunkt, Buchstand und Wert ins Prüfprotokoll aufnehmen.
- Ursachenfamilie eintragen und den auslösenden Prüfpunkt benennen.
- Beleg suchen: Belegdatum gegen Buchungsdatum, Schnittstellenprotokoll.
- Korrektur mit Beleg buchen oder die Differenz als offen kennzeichnen.
Nachbuchungen erhalten einen Vermerk zur Ursachenfamilie. So lässt sich später auswerten, welche Familie wie häufig auftritt. Die Aufbewahrung von Inventar- und Buchungsunterlagen regelt § 257 HGB.
Differenzen ohne Beleg bleiben offen und werden nicht auf Verdacht verteilt. Wiederkehrende Prüfpunkte gehören in die Vorbereitung der nächsten Zählung: Belegdatum und Buchungsdatum getrennt auswerten, offene Umlagerungen vor der Zählung schließen, Sperrlagerbewegungen abgleichen.
Häufige Fragen
Ersetzt der Prüfpunktekatalog die Suche nach dem einzelnen Vorgang?
Nein. Er ordnet die Differenz einer Ursachenfamilie zu und verkleinert den Kreis möglicher Belege. Den konkreten Vorgang muss weiterhin jemand prüfen.
Was gilt bei einer Differenz ohne Beleg?
Dann bleibt die Ursache offen. Der Katalog liefert nur dann eine Klassifikation, wenn Bezugsgröße, Zeit, Menge und Zugriff tatsächlich geprüft wurden.
Warum sind die Toleranzbänder nur Beispielwerte?
Weil sich Lager nach Sortiment, Wertdichte und Zählzyklus unterscheiden. Veröffentlichte Durchschnitte für den gesamten Handel lassen sich nicht auf ein einzelnes Lager übertragen.
Wie oft sollte der Katalog angewendet werden?
Bei jeder Differenz und zusätzlich vor jeder planmäßigen Zählung. Wiederholt anschlagende Prüfpunkte zeigen, wo der Prozess geändert werden muss.